Streuobstwiesen

Aktualisiert: 09.11.2011
Aktuelles Datum: 22.02.2012
Text und Bilder: Dr. Wolfgang Roser
Bearbeitung fürs Internet: Jochen Kresse
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Blühende Streuobstwiese
• Schöne Natur mit Biotop– und Artenvielfal
• Teure Pflegefälle bei geringem Ertragswert

Die Baumzucht verschafft denenjenigen, die sich damit bemühen, einen angenehmen Teil ihrer Nahrung. Sie gereichet zur Zierde eines Landes, zur Reinigung der Luft, zum Schutz und Schatten und hat überhaupt in vielen anderen Dingen ihren trefflichen Nutzen, zur Nothdurft, Lust und Bequemlichkeit des Lebens für Menschen und Thiere.

Johann Caspar Schiller
der Schöpfer und langjährige Leiter der herzoglichen Baumschule auf der Solitude, in seinen Betrachtungen über landwirtschaftliche Dinge im Herzogtum Wirtemberg 1767/68.

Nutzung
Die Streuobstwiese ist eine extensiv genutzte Kombination von Hochstamm-Obstbau und Grünland. Viele Obstarten und -sorten werden auf den meist kleinparzellierten Flächen geerntet: Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, auch Walnüsse. Über 2 000 verschiedene Apfel- und Birnensorten waren früher im Anbau, etwa die Bohnäpfel, Boskoop, Luiken, Klaräpfel, Gravensteiner, Jacob Fischer, Bratbirnen u.v.a. Diese Sortenvielfalt ist ein wichtiges Genreservoir. Es gibt vor allem Mostobst für Saft, Most und Schnapsbrennerei. Beim Tafelobst haben nur die Kirschen überregionale Bedeutung.

Die Salbei-Glatthafer-Wiese
gedeiht als Unterkultur bei extensiver Bewirtschaftung, also weitgehend ohne Düngung und ohne Pestizide, und enthält mindestens 30 Planzenarten, einst bis 80. Da gibt es den Wiesensalbei, Schlüsselblume, Wiesenplatterbse, Knautsien, Glockenblumen, Klappertopf und viele mehr. Die Mahd sollte nicht vor Mitte Juni erfogen, wenn die Samen verbreitet sind. Und nicht mehr als zweimal im Jahr, und schon gar nicht als Wochenendrasur.

Tierwelt
Die Streuobstwiesen sind wichtige Ersatz- und Rückzugsbiotope für gefährdete Tiere. Das sind manche Kleinsäuger wie Igel, Steinmarder, Siebenschläfer, Haselmaus, auch Fledermäuse, ferner Vögel wie Spechte, Kernbeißer, Wendehals, Rotkopfwürger, Halsbandschnäpper und Steinkauz. In keinem anderen Biotop kommen so viele Vogelarten vor wie hier. Das hängt auch ab von der großen Zahl von Insekten, die hier leben. Von über 100 Vogelarten sind allerdings 47 gefährdet.

Der Internationale Rat für Vogelschutz hat 1991 an das Gebiet von Göppingen bis Bissingen/Teck das Prädikat „Important Bird Area“ IBA Nr.108, auf Deutsch „International bedeutsames Vogelbrutgebiet“ verliehen. Das IBA-Qualitätssiegel garantiert, dass der Saft nur fruchteigenen Zucker enthält und nicht aus importiertem Konzentrat hergestellt wird. Außerdem darf nur ungespritztes Obst verwendet werden.

Geschichte
Seit 4 500 v.Chr. ist in jungsteinzeitlichen Siedlungen die Nutzung von Wildobstarten nachgewiesen. Obstbau kommt dann aus dem Vorderen Orient über Griechenland nach Rom und über die römische Besatzung nach Südwest-Deutschland. Im Mittelalter findet er nur siedlungsnah statt, auch in Kloster- und Schlossgärten. Flächenmäßig und in wirtschaftlicher Bedeutung wird er weit übertroffen vom Weinbau.

Nach dem 30jährigen Krieg erfährt der Obstbau starke Förderung durch die württembergischen Herzöge, angefangen bei Herzog Christoph, dann besonders durch Karl Eugen, später durch König Wilhelm I. Jeder ansässige Bürger und jeder heiratende Bürgersohn muss Obstbäume pflanzen, pflegen und ersetzen. Baumfrevel wird hart geahndet. Unter der Leitung des Hofgärtners Johann Caspar Schiller, des Dichtervaters, werden von den württembergischen Baumschulen jährlich 100 000 Obstbaumsämlinge abgesetzt. Der Obstbau produziert Grundnahrungsmittel und wird ausgedehnt auf die gemeinsam genutzten Flächen der Allmende, auf Ackerfluren in Hanglagen und aufgegebene Weinberge, entlang von Straßen, als Grüngürtel um die Siedlungen. Um den lange dominierenden Weinbau vor konkurrierenden Getränken zu schützen, wird das Mostherstellen zunächst eingeschränkt und Bier meist verboten. Um 1900 erreicht der Obstbau seine flächenmäßig größte Ausdehnung.

Gefährdung der Streuobstwiesen
Zwischen 1951 und 1992 erfogte ein Rückgang der Bestände um 60 Prozent infolge Flurbereinigungen, unüberlegter Subvention von Rodungen, Ausweisung von Neubaugebieten, Preisverfall des Mostobsts, Import von Tafelobst und Saftkonzentrat, Ausbreitung von Schädlingen wie Wühlmäusen und Feuerbrand. Zu hoher und teurer Aufwand an Arbeitskraft für Baumpflege, Mahd, Ernte und Vermarktung erschweren den Erhalt der Bestände. Mühselig ist das Baumschneiden, Mähen und Obstauflesen. Kritisch ist außerdem die Umwandlung in umzäunte Gütle mit Wochenendmöblierung. Inzwischen wird nicht mehr die Rodung, sondern die Neupflanzung von Hochstämmen, vor allem lokaler Sorten, mit Zuschüssen gefördert.