Presseberichte
"Teckboten"
Aus “Teckbote” 22. März 2008
Frühblüher: Schnelllebige Lebenskünstler in schmalem Zeitfenster
„Wer mehr weiß, sieht mehr, schätzt mehr, schont und schützt.“ So heißt das Motto, unter dem die Volunteergruppe „Naturschutzgebiet Teck“ mit geführten Wanderungen für jedermann Lust auf Landschaft und Natur wecken will. Die erste im Jahr gilt traditionell den Frühblühern und findet am 30. März statt.
WOLFGANG ROSER
Dem aufmerksamen Wanderer beschert der Frühling viele kleine Naturwunder. Aufregend schön ist der farbige blumige Kontrast zu dem eintönigen Braun der Laubstreu und zu dem Grau der Stämme und kahlen Äste der Buchen. Da gibt es die weißen und die gelben Buschwindröschen, die hellgelben Schlüsselblumen, das blaurote Lungenkraut, die Blausterne und Gelbsterne, an wenigen Stellen die weißen Glöckchen der Märzenbecher und noch seltener den rosablühenden Seidelbast. Hervorgelockt vom zunehmend länger scheinenden Sonnenlicht sind auch andere Lebewesen: am bekanntesten sind die Hummeln, die jetzt auf Nahrungssuche herumfliegen. Und da werden sie fündig auf den Blüten, wo eiweißreicher Pollen und zuckerhaltiger Nektar geholt werden können. Eine Hummel braucht zum Fliegen 30-35° Körpertemperatur – bei Lufttemperaturen von vielleicht 5-10° - und hat entsprechend hohen Energiebedarf, nämlich 150 mg Zucker pro Tag. Beschafft wird das über 450 tägliche Blütenbesuche. Unterwegs sind zunächst nur die Hummelköniginnen, die als einzige überwintert haben. Mit der Neugründung eines Hummelvolkes steigt der Nahrungsbedarf rasant.
Schnellstarter Frühblüher
Diese erste Ernte im Jahr ist für die Tierwelt verfügbar, weil eine Reihe von so genannten Frühblühern ihren Lebenszyklus mit dem Hervorbringen von Blüten, also ihren Fortpflanzungsorganen, starten. Und die pollen- und nektarsammelnden Insekten besorgen nebenher die Bestäubung als ersten Schritt zur Befruchtung. So entsteht die nächste Generation im bald darauf reifenden Samen, an dessen Verbreitung dann häufig weitere Insekten – oft Ameisen – beteiligt sind. Seit 150 Millionen Jahren hat sich eine unglaubliche Artenvielfalt an Blütenpflanzen parallel mit einer korrespondierenden Vielfalt an Insektenarten entwickelt, die gegenseitig wie beschrieben voneinander profitieren.
Viele Insekten und andere Tiere sind jedoch einfach Pflanzenfresser ohne Gegenleistung. Abwehrstrategien auf Seiten der Opfer sind giftige Zellbestandteile, die den Genuss beim Fressen verleiden. Diese Giftstoffe sind auch für uns Menschen nicht bekömmlich, allerdings macht es meist die Dosis – so dass in der Volksmedizin auch heilsame Anwendungen bekannt sind, z.B. das Lungenkraut als Hustentee.
Das für uns so Erstaunliche an den Frühblühern ist deren fast explosives Wachstum, das Blüten, aber noch kaum Blätter hervorbringt. Dabei sind die Blätter bei den grünen Pflanzen eigentlich die Organe, die die Sonnenenergie zu chemischer Energie in Form von Zucker, dem zentralen Betriebs- und Baustoff, umwandeln. Die Frühblüher entnehmen dieses Material vorwiegend den im Vorjahr angelegten Reserven, die in Zwiebeln, Wurzelknollen oder Wurzelstöcken gespeichert sind und das frühe Wachstum noch ohne Blätter möglich machen. Wichtige Voraussetzungen für Wachstum sind außerdem ausreichend Wasser – aus der Schneeschmelze - und Wärme. Das im kahlen Laubwald einfallende Sonnenlicht wird von der reichlich herumliegenden Laubstreu absorbiert, d.h. in Wärme umgewandelt. Da kann man 25-30° messen bei Temperaturen in der Luft von 5-10°.
Laubaustrieb schließt das Zeitfenster der Frühblüher
Die darunter liegende Bodenschicht bleibt noch eine Weile länger kalt, den Wurzeln der Bäume ist die anregende Wärmezufuhr noch vorenthalten. Aber das ändert sich mit dem täglichen Höhersteigen der Sonne. Im Mai ist es soweit: die Bäume belauben sich, der Wald wird undurchsichtig, dunkel und kühl. Das Sonnenlicht wird jetzt vorwiegend im Kronenbereich absorbiert. Bis dahin haben die Frühblüher nicht nur Früchte und Samen gebildet, sondern auch mit Hilfe der später gewachsenen Blätter neue Materialreserven in Zwiebeln, Wurzelknollen und Wurzelstöcken angelegt. Der jährliche Fortpflanzungs- und Wachstumszyklus ist gelaufen, die Blätter vergilben, ziehen ein und werden rasch zersetzt. Die Arten verschwinden von der Bildfläche und machen anderen Platz, die mit wenig Licht zurechtkommen. Das Zeitfenster der Frühblüher ist dann geschlossen.
In unseren Buchenwäldern startet der Laubaustrieb in der Regel Anfang Mai. Von unten nach oben am Baum entfalten sich die seidig weich behaarten Blätter; für kurze Zeit ist ein hübsches Schattenspiel der Blätter auf den hellgrauen Buchenstämmen zu sehen, wenn von oben noch Sonne durchscheint. Nach zwei Wochen ist der Schattenwurf vorbei, sind die Kronen geschlossen. Täglich um zwei Zentimeter sind auch die Zweige gewachsen. Das Dickenwachstum des Stammes geht im Sommer weiter. Über 100 Buchenkeimlinge pro Baum bedecken stellenweise den Boden, zudem vielfach flächendeckend Waldbingelkraut und Waldmeister.
Rarität Buchenwald
Die uns an und auf der Alb so vertraute Buche war dominierender Waldbaum in Mitteleuropa bevor sesshafte Siedler mit Rodung und Landwirtschaft begannen. Heute sind in Baden-Württemberg nur 14% der Waldfläche Buchenwald und deshalb weitgehend als Fauna-Flora-Habitat-Schutzzone ausgewiesen. In neue Aufmerksamkeit geraten sind die Hangbuchenwälder und Schluchtwälder am Albtrauf als Alleinstellungsmerkmal für das neue Biosphärengebiet Schwäbische Alb: so wie hier gibt es sie anderswo nicht und so sind sie weltweit schützenswerter Wald. Zusammen mit einigen Schafheiden des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen bedecken sie als so genannte Kernzonen gerade mal 3% der Fläche des Biosphärengebiets.
Buchen werden über 300 Jahre alt und bis 40 m hoch. Sie bilden im Mai auch zahlreiche Blüten aus: die männlichen Staubblüten hängen büschelweise nach unten, der Wind transportiert den Pollen zu den aufrecht stehenden weiblichen Stempelblüten. Buchen-Pollen wird auch von Bienen eingetragen. Diese kommen aber auch zu den Blattläusen auf den Blättern und zapfen deren zuckerhaltige Exkremente als Honigtau an. Von den Bucheckern leben viele verschiedene Kleinsäuger und Vögel, auch das Wild nimmt davon. In Buchenstämme hackt der Schwarzspecht seine Bruthöhle ins grüne Holz. Bis zu 30 verschiedene Nachmieter profitieren von diesen Hohlräumen. Nur in abgestorbenem Buchenholz gedeihen die Larven der schönsten und seltensten einheimischen Käfer: Alpenbock und Rosenkäfer. Solches Totholz findet man eher dann, wenn keine Bewirtschaftung mehr stattfindet. Das wird in den Kernzonen des Biosphärengebiets der Fall sein.
Eine Auswahl der Schönen
Als eine Erste des Frühlings – lateinisch-botanisch Primula veris – steht am Waldrand der Himmelsschlüssel mit den dottergelben Stieltellerblüten, deren orangefarbene Saftmale die Bestäuber anlocken: außer den erwähnten Hummeln u.a. auch Zitronenfalter und Kleiner Fuchs, alle mit langem Rüssel zum Nektarsaugen. Wie bei der nah verwandten fahlgelben Hohen Schlüsselblume ist Tierbesuch zur Fortpflanzung unentbehrlich, die Blüten sind so gebaut, dass Selbstbestäubung ausgeschlossen ist. Gärtnerkunst hat eine bunte Vielzahl von Gartenprimelsorten gezüchtet, inzwischen die vorherrschende Frühlingsfarbe in jedem Supermarkt.
Selten – aber dann gesellig – sind die Märzenbecher, die feuchten kalkhaltigen Boden brauchen. Sechs weiße Blütenblätter bilden eine hängende Glocke. Einige Massenvorkommen sind vielbesuchte Standorte. Ettenstatt am Trauf der Frankenalb hat die Blume ins Ortswappen aufgenommen.
An wenigen Plätzen flächendeckend sind die roten Blütentrauben des Hohlen Lerchensporns. Von dieser Art kommen auch weißblühende Formen vor. Die Pflanze treibt aus einer Sprossknolle, die nach Verbrauch der Reservestoffe hohl wird, das macht den Namen. Im Sporn der Blüten ist der Nektar schwer zugänglich. Hummeln beißen deswegen ein Loch hinein, wovon auch Honigbienen profitieren.
Wieder interessant für die Verwendung in der Küche ist der Bärlauch geworden, dessen Blätter man nur vor der Blüte und überhaupt nicht in Naturschutzgebieten pflücken sollte. Es besteht auch gefährliche Verwechslungsmöglichkeit mit den wirklich giftigen Blättern des Maiglöckchens und der Herbstzeitlosen. Der starke Knoblauchgeruch weist auf die kulinarische Verwendung hin. Auch die einst hierzulande heimischen Bären fanden nach Erwachen aus dem Winterschlaf diese Blätter als erstes Futter, daher vielleicht der Name?
Wichtig für die Küche der armen Leute war einst auch die Haselwurz. Ihre lilafarbenen glockenförmigen Blüten wachsen verborgen am Grunde der Blätter, besucht und bestäubt von Ameisen und Käfern. Die auffällig glänzenden herzförmigen Blätter überstehen unter dem Schnee den Winter und werden erst im Sommer erneuert. Getrocknet und zu Pulver zerrieben waren sie einst ein wichtiger, allerdings auch giftiger Ersatz für den teuren Pfeffer, mit dessen Geschmack man das kostbare, aber nicht sehr lang haltbare, leicht vergammelnde Fleisch langfristig genießbar halten konnte.
Viele Bäume und manche Sträucher als Frühblüher
Viele Baumarten und manche Straucharten blühen teilweise vor ihrem Laubaustrieb. Für die Windbestäubung produzieren Hasel, Birke, Buche, Hainbuche, Eiche, Erle, Pappel und die Nadelhölzer gewaltige Mengen an Pollen, was auch Bienen und anderen Insekten als Nahrung zugute kommt. Ahorn-, Weiden- und Linden-Bäume werden - obwohl mit unscheinbaren Blüten - auch von Insekten bestäubt, die wegen des Pollens und/oder Nektars kommen.
Ein selten gewordener winterkahler Strauch auf Kalkboden ist der Seidelbast. Direkt am Stängel erscheinen lange vor den Blättern manchmal schon im Januar kleine Büschel aus je zwei bis drei rosafarbenen Blüten, die intensiv duften. Wegen des Seltenheitswertes, aber auch wegen des starken Giftes sollte man vermeiden, die Pflanze auch nur zu berühren. Nach Bestäubung durch Bienen und Falter bilden sich erst spät rote Beeren, gegen deren Gift manche Vögel wie Drosseln und Bachstelzen immun sind und so die Pflanze verbreiten.